Gammelfleisch - Blick über den Tellerrand

Als Verbraucher kann es einen nur schütteln, vernimmt man derzeit jeden Tag aus den Medien, wo wieder tonnenweise überlagerte Lebensmittel gefunden wurden. Hier wird natürlich auch die Frage aufgeworfen, wieso plötzlich in den verschiedenen Lagerhäusern im Bundesgebiet solche überlagerten Lebensmittel gefunden werden, während vor dem Münchner Gammelfleischskandal davon nichts zu vernehmen war?

Hat die Lebensmittelkontrolleure und Ihre Dienstherren das Jagdfieber gepackt? Ernten da einige Leute Lorbeeren, wenn sie einen besonders dicken Posten Gammelfleisch lokalisieren und medienwirksam Ihre Kontrolltätigkeit in Szene setzen, damit vorherige Versäumnisse nicht auffallen?

Aus ökonomischer Sicht dürfte eine Erklärung schwer fallen, daß Händler tonnenweise überlagerte Lebensmittel gekühlt lagern, die sie nicht in den Verkehr bringen dürfen. Während jeder vernünftig arbeitende Lebensmitteleinzelhändler sich bemüht, die abgelaufenen Joghurtbecher aus den Regalen zu nehmen (der Kunde sieht das Haltbarkeitsdatum auf dem Becher), lagern Großhändler überalterte Lebensmittel teilweise über Jahre.

Die Gegensätzlichkeit dieser Verhaltensweisen spricht gegen Großhändler, die überlagerte Lebensmittel vorhalten und interessante Erklärungen zu diesen Lagerungen abgeben, deren Sinnhaftigkeit sich vermutlich nur “Insidern” erschließen wird.

Offen bleibt auch die Fragestellung, welchen Nutzen der nationale Aktionismus unserer Lebensmittelkontrolleure hat, angesichts der internationalen logistischen Strukturen sprich grenzüberschreitender Lagerung und Transporte. Welche Mengen überlagerter Lebensmittel sind hier nicht erfassbar, weil sie gar nicht in Deutschland lagern, jedoch hier in den Verkehr gebracht werden?

Das auf europäischer Ebene nach überlagerten Lebensmitteln gefahndet wird, dieser Eindruck entsteht nicht und so erleben wir lediglich einen nationalen Sturm im Wasserglas. Im benachbarten Ausland wird man nur aktiv, wenn der Verdacht keimt, die verdorbenen Waren wurden über Grenzen hinweg veräussert. Verlieren unseren Medienvertreter das Interesse am Thema, was in der Regel schnell geschieht, dann bleiben hoffentlich neben effizienteren Inlandskontrollen auch strengere Ein- und Ausfuhrkontrollen übrig.

Sicher ist schon jetzt, daß es auch künftig für einige Händler interessanter sein wird, überlagerte Ware in den Verkehr zu bringen und sich die Entsorgungskosten zu sparen.
Der für Verbraucher einzig mögliche Weg, seinen Unwillen gegen solche Machenschaften darzulegen, wird wohl auch diesmal nicht wesentlich genutzt - einfach mal eine Weile auf den Fleischverzehr verzichten. Diese Maßnahme würde zwangsläufig auch die falschen Adressaten, also ehrliche Anbieter treffen, jedoch dürften Kolateralschäden unvermeidbar sein.

Welche Macht der Verbraucher hat, wurde Mitte der 90er Jahre der Firma Shell verdeutlicht, als die Umweltschutzorganisation Greenpeace zum Boykott des Ölmulti aufrief. Wurde letztlich diese Aktion im Ergebnis als falsch positiv eingestuft, so zeigte sie doch eindrucksvoll, daß der Verbraucher seinen Unmut durchaus eindrucksvoll zum Ausdruck bringen kann.

Wer davon ausgeht, daß in Zukunft nur noch einwandfreie Ware in den Verkehr gebracht wird, weil nun strenger kontrolliert wird, der darf sich auch direkt die diversen Gütesiegel der Lobby-Organisationen für Lebensmittel an die Stirn pappen ;-)

Guten Appetit!

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